Heilungsraum

Donnerstagabend 18.00 Uhr: während draußen der Feierabendverkehr vorbeizieht und die Autos sich die Stadtgrabenstraße herunter stauen erfüllt die Böblinger St. Bonifatiuskirche eine besondere Atmosphäre. Es ist Heilungsraum. Wie jeden letzten Donnerstag im Monat finden sich ca. 30 Menschen ein, um hier für sich einen geschützten und heilsamen Raum zu finden. Einen Raum zum Aufatmen und Loslassen von Belastungen, zum Erfahren von Ruhe, Kraft und Geborgenheit, zur Erfahrung der Nähe Gottes, zum Handauflegen, Beten, Segnen und zur Bitte um Heilung.
Wer den betriebsamen Feierabendverkehr hinter sich lässt und die Kirche betritt taucht in eine warme, einladende Atmosphäre ein.

Der Heilungsraum beginnt mit einer musikalischen und spirituellen Einstimmung. Gesang, Gebet und ein biblischer Impuls führen ein in die heilende Dimension des Glaubens. Die Bibel versteht ja unter Krankheit nicht nur das körperliche Leiden, sondern viel umfassender die Abwesenheit von Lebenskraft. Dazu gehören z. B. Müdigkeit, Erschöpfung, körperliche oder seelische Schwäche sowie organische Krankheiten oder Verwundungen. Es geht darum, diese Lebenskraft wieder neu zu empfangen und aus ihr zu leben. Zur Gesundung gehört dann ebenso die Heilung von belasteten und blockierten Beziehungen - in uns selbst, zu anderen Menschen, zur Schöpfung und zu Gott. 

Termine 2017

Der Heilungsraum findet in der Regel am letzten Donnerstag im Monat von 18.00 Uhr bis ca. 19.30 Uhr statt. Die nächsten Termine für 2017 sind:
26. Januar 2017
23. Februar 2017
30. März 2017
27. April 2017
25. Mai 2017
29. Juni 2017
27. Juli 2017
28. September 2017
26. Oktober 2017
30. November 2017
21. Dezember 2017

 

Die Termine finden sie auch in unserem Terminkalender, den aktuellen Flyer können sie hier anschauen.

Wer das Neue Testament aufmerksam liest, der wird feststellen: immer geht es darin um Gottes heilvolles Handeln an den Menschen in Jesus Christus. Und wer noch genauer hinschaut, der wird entdecken, dass ein großer Teil aller neutestamentlichen Bibelstellen Heilungsgeschichten sind! Durch ein heilsames Wort, ein sich Zuwenden oder das Auflegen der Hände wurden die Menschen an Leib und Seele gesund. Sie spürten: von Jesus geht eine Kraft aus, die aufrichtet und verwandeln kann. Während in der Urkirche dieser Zusammenhang von Glaube, Verkündigung und Heilung noch bestand rückte er in der Folgezeit zunehmend auseinander. Die Frage nach der Heilkraft des Glaubens wird allerdings heute auch durch Erkenntnisse der Psychologie und Psychosomatik wiederentdeckt bzw. bestätigt. Wie oft hat Jesus am Ende einer Heilungsgeschichte zu den Menschen gesagt: „Dein Glaube hat dir geholfen!“ Der Heilungsraum will diese heilende Dimension des Glaubens wieder bewusst machen.

Nach der gemeinsamen liturgischen Einstimmung im Heilungsraum gehen die Besucher in einen der durch Paravents abgetrennten Bereiche, um dort in ihrem persönlichen Anliegen von zwei Personen aus dem Heilungsteam begleitet zu werden. Es kommen Menschen, die auf der Suche sind nach körperlicher, seelischer und geistiger Heilung. Dabei lassen sie sich im Gespräch, Gebet oder durch Handauflegen unterstützen.
Mal sind es chronische Krankheiten, mal akute Beschwerden, die die Menschen in den Heilungsraum führen. Andere kommen wegen persönlicher Schwierigkeiten und Beziehungsproblemen. Einige wollen nur die wohlwollende und wohltuende Atmosphäre erfahren. Manche wünschen gezielt die Kraft des Handauflegens; andere wiederum suchen für sich den persönlichen Zuspruch und Segen. Die Bedürfnisse sind vielfältig und doch dürfen Menschen im Heilungsraum immer wieder die Erfahrung machen: Dasein tut gut, Reden tut gut, Berührung tut gut, Segen tut gut. In einer Zeit wo Vereinsamung und Leistungsdruck immer mehr zunehmen ist es für viele wohltuend loszulassen, aufzutanken und das Gefühl zu haben, mit den eigenen Sorgen, Nöten und Empfindungen ganz persönlich gemeint zu sein. Heilsame Prozesse können so in Gang kommen.
Seit Sommer 2009 gibt es das diakonisch-spirituelle Angebot in der Böblinger St. Bonifatiuskirche. Ein Projekt, das aus der Katholischen Erwachsenenbildung im Kreis Böblingen erwuchs und nun von der Katholischen Gesamtkirchengemeinde getragen wird. Die Mitglieder des Heilungsraum-Teams haben sich in vielfältiger Weise mit dem eigenen Heilungsprozess auseinandergesetzt und sich in der Heilkraft des Glaubens und in der Begleitung durch Handauflegen ausgebildet.

Handauflegung

Zu den ältesten Heilmethoden gehört das Handauflegen, welches wir im Alltag oft intuitiv anwenden. Denken wir nur daran, wie Mütter und Väter ihren kleinen Kindern, die sich verletzt haben, ganz automatisch die Hände auf die verletzte Stelle legen. 
Berühren und berührt werden: auch in den Heilungen durch Jesus spielen Handauflegung und Berührungen eine wichtige Rolle: „Und alle, die ihn berührten wurden gesund.“ (Markus 6,56) „Er legte jedem Kranken die Hände auf und heilte alle.“ (Lukas 4,40). Jesus berührt Menschen heilsam und gibt diesen Heilungsauftrag auch an seine Jünger und Jüngerinnen weiter (Markus 16,18).

Die heilsame Wirkung körperlicher Berührung wird durch neueste Forschungen bestätigt: ganzheitliche, leibliche Zuwendung, das Spüren menschlicher Nähe und Wärme haben heilsame Wirkung – körperlich, psychosomatisch und seelisch.  
Beim Handauflegen wird erfahrbar, dass die liebevolle, wohltuende Zuwendung und Berührung es den Menschen ermöglicht, selbst liebevoller zu sich in Beziehung zu treten: zum eigenen Leib, zu den eigenen Schmerzen, Verwundungen und kranken Körperteilen. 

Aus religiöser Sicht gilt: Handauflegende sind nur BegleiterInnen und VermittlerInnen, während die Heilung durch Gottes Kraft und den Glauben der Heilsuchenden geschieht. Wer die Hand auflegt, stellt nicht das eigene Helfen wollen in den Mittelpunkt. Es geht vielmehr darum, sich den Heilsuchenden achtsam und einfühlsam zuzuwenden, sich vertrauensvoll mit Gottes Kraft zu verbinden und das je sinnvoll Heilsame zu empfangen. Das kann z.B. die Akzeptanz der eigenen Lebenssituation bedeuten, die lang ersehnte Versöhnung mit einem Verstorbenen, die Entlastung von körperlichen Schmerzen, eine erneute liebevollere Beziehung zu den Kindern oder die Vertiefung des Wissens, dass wir von Gott bedingungslos angenommen sind und mit ihm unser Leben zur verheißenen Fülle hin entfalten dürfen.

Autor: Frank Kühn

Grafik/Photos: Elisabeth Kempter